Wulf Bolte – praemandatum

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Am Donnerstag fiel das Urteil des EuGH zum Safe-Harbor-Abkommen. Hiernach durften Konzernen wie Facebook oder Amazon, die Daten ihrer Kunden aus Europa auf Servern in den USA verarbeiten, ohne zuvor extra zu prüfen, ob das den europäischen Datenschutzbestimmungen entspricht. Passend zum Thema habe ich mich einige Stunden vorher mit Wulf Bolte, Geschäftsführer der Datenschutz Firma praemandatum in Hannover getroffen, um mit ihm über Datenschutz, Medienkompetenzvermittlung und mediale Erziehung zu sprechen.

Lieber Wulf, bei praemandatum geht es um Datenschutz, das heißt ihr beratet Unternehmen in Hinblick auf Datenvermeidung, erarbeitet Konzepte für den technischen Datenschutz und fördert Maßnahmen für mehr Datenverantwortung. Unter anderem gebt ihr aber auch Seminare an Schulen. Was macht ihr da genau?

Grundsätzlich ist das stark individuell und hängt davon ab, was die Schule will, welches Bildungsniveau vorliegt, was die Lehrer wollen, was der Schulleiter will und letztendlich auch, was wir gerade für sinnvoll halten.

Es gibt Schulen, die holen uns einmal ran, weil etwas schief gegangen ist – das ist immer das schlechteste Beispiel. Also wenn irgendjemand gemobbt wurde oder Nacktfotos von einer Schülerin aufgetaucht sind. Also, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Dann werden wir herangeholt, um „das Problem einmal zu beseitigen“. Dann versuchen wir, den Kindern etwas dazu zu erklären. Dabei gehen wir bewusst nicht auf das aktuelle Problem ein, denn das bringt unserer Meinung nach nichts, sondern wir erklären grundsätzliches zum Umgang mit Daten und dass man das Freilassen von Daten danach nicht mehr beeinflussen kann. Und dass das, was dann passiert, vielleicht ursprünglich nicht beabsichtigt war, aber man trotzdem mit schuld ist, weil man Daten einfach aus der Kontrolle gelassen hat.

Wir geben auch keine Klickanleitungen wie „Wie stell ich Facebook richtig ein“. Zum einen weil es nach zwei Wochen schon wieder veraltet ist, zum anderen weil es den Schülern einfach nicht hilft. Wir wollen vermeiden, dass die Schüler denken „Ok, wenn ich das und das einstelle, dann ist Facebook sicher“. Denn das ist immer falsch. Facebook ist nicht sicher.

Also geht es euch eher um die Vermittlung von einem Verständnis zum Umgang mit den eigenen Daten – eine Art Sensibilisieren also, wenn man so will?

Genau. Was wir den Kindern, Eltern, Lehrern – je nachdem, wer gerade zuhören kann, erklären, ist wirklich Grundsätzliches wie zum Beispiel: Dinge, die ich nicht auf ein Schild schreiben und in meinen Vorgarten stellen würde, die gehören auch nicht ins Internet. Und da hilft auch nicht ein privates Profil. Es ist aus meiner Kontrolle heraus und ich habe in dem Moment der Nutzung unterschrieben, dass diese Firma mit meinen Daten machen kann, was sie will.

Ist das nicht sehr schwer zu verstehen für Kinder?

Nein gar nicht. Das verstehen die Schüler intuitiv sofort. Und sie stellen im Anschluss an solche Seminare immer die richtigen Fragen. Es hat ihnen vorher nur noch nie jemand gesagt und das ist das Traurige. Die Schüler sind so fix im Begreifen von technischen Zusammenhängen, nur wir, die Erwachsenen bringen ihnen das nicht früh genug bei.

Am liebsten ist uns natürlich, wenn es sich um ein langfristiges Konzept handelt, wie es hier in Hannover bei einigen Schulen der Fall ist. Das heißt, dass wir jedes Jahr kommen und den Schülern von der 5. bis zur 9. Klasse in einer Doppelstunde Neues erzählen können. In der fünften Klasse fängt man mit der Frage an, wie funktioniert denn das Internet überhaupt. Dann auch Fragen wie zum Beispiel „Was ist Verschlüsselung, was ist Steganographie, was Geheimhaltung, was bedeutet Öffentlichkeit und wie funktioniert öffentliche Kommunikation? Das hört sich jetzt kompliziert an, aber das kann man den Schülern sehr einfach erklären. Und die finden das auch spannend und verstehen sehr schnell, worum es geht.

In höheren Klassen machen wir dann auch speziellere Sachen wie Internet-Recherche: Wie funktioniert das eigentlich? Was sind Primärquellen, was nicht? Für was kann man Wikipedia benutzen und für was nicht?

Natürlich versuchen wir so etwas wie Mobbing mit einfliessen zu lassen, aber es gibt nicht den Punkt, an dem es heißt: „So, jetzt reden wir über Mobbing“. Sondern es ist der Part, bei dem man über falsche, weiterplappernde Kommunikation und über Internet-Meme spricht. Wobei der Ausdruck wieder nur bei den Oberstufenschülern benutzt werden kann, die Jüngeren machen daraus gerne „Memme“ (lacht).

Die Förderung von Medienkompetenz wird seit einiger Zeit kontrovers diskutiert: Alle sehen den Bedarf, aber so richtig passieren tut dann doch nichts – was ist Deiner Meinung nach das Problem bei der Debatte um Medienerziehung? Was sind hemmende Faktoren?

Alle sehen zwar das Problem, aber keiner will Geld dafür ausgeben. Jeder sieht den schwarzen Peter bei jemandem anders und jeder hat dafür auch gute Gründe: Die Eltern sehen die Schulen in der Pflicht, die Lehrer sehen die Eltern in der Pflicht und in der Mitte stehen Google und Facebook und freuen sich, dass sie es im Endeffekt machen und Geld mit den Daten der Kinder verdienen. Und natürlich bringen diese Konzerne unseren Kindern bei, dass Daten Gemeingut sind und wer etwas zu verbergen hat, hat auch etwas zu befürchten. Was Blödsinn ist, weil jeder irgendetwas hat, was er nicht der Öffentlichkeit preisgeben will.

Ein weiterer Faktor ist sicherlich die Ausbildung der Lehrer: Wir haben Seminare auch hier an der Uni gegeben für Lehramt-Sudenten, weil wir dachten, wir setzen früher an. Denn das Problem besteht auch darin, dass die Lehrer wenig Möglichkeiten haben, sich fort zu bilden. Was wir beobachtet haben, ist: Die Studenten nutzen begierig jede neue Technik, Tablets, Iphones usw. während des Studiums, aber ab dem Zeitpunkt, ab dem sie Lehrer werden, haben sie Angst vor Technik. Das haben uns sogar schon Lehrer bestätigt, dass das so ist. Vielleicht liegt es daran, dass sie sehen, dass die Schüler fixer sind im Begreifen von Technik sind, als sie selbst. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber die meisten Lehrer haben Angst vor Technik.

Und das ist schon ein Problem, denn die Technik bestimmt unser Leben – in Zukunft noch viel stärker als jetzt. Und das muss auch in den Unterricht einfließen.

Es steht zur Debatte in der Schule ein Fach Medienkompetenz einzuführen. Hältst du das für sinnvoll?

Ich halte es in unserer Gesellschaft für unumgänglich, Informatik zum Pflichtfach zu machen. Und da gehört auch der Datenschutz hinein. Die Zusammenhänge müssen klarer gemacht werden, damit die Schüler bewusste Entscheidungen machen können.

Wenn heute eine Schüler – oder Erwachsener – eine Einladung bekommt, sich bei Facebook oder Xing anzumelden, dann kann dir auf der Straße eigentlich kaum jemand den Unterschied zwischen beiden Netzwerken sagen. Also melden sie sich bei beiden an, oder bei der Plattform, bei der mehr Freunde sind – beides die falsche Entscheidung. Aber darin spiegelt sich die Problematik sehr deutlich.

Könntest du so etwas wie ein Kernproblem in der Debatte um Medienkompetenz ausmachen?

In der Medienkompetenzdebatte reden wir eigentlich über sehr viele kleine Probleme, die zusammen ein großes, komplexes Gefüge ergeben – und zwar eine Gesellschaft, die sich in eine Richtung entwickelt, die recht problematisch ist. Und ich glaube, die Medienkompetenz oder digitale Lesekompetenz ist das, was insgesamt darüber steht. Das ist aber meine komplett subjektive IT-ler Sicht. Aber ich habe die Erfahrung gemacht in der Kommunikation mit Eltern, Lehrern und Schülern, dass das wohl auch wirklich so ist.

Würdest du Medienkompetenz und digitale Medienkompetenz gleichsetzen?

Nein, digitale Lesekompetenz ist ein Sub-Set von Medienkompetenz, aber mit Medienkompetenz kann man alles mögliche beschreiben. Digitale Lesekompetenz ist deshalb passender, weil es mir darum geht, den digitalen Konsum zu hinterfragen, also lesen zu können. Das heißt, dass ich mich frage: Warum wird mir das gerade so vorgekaut, in welchem Format lese ich das gerade, warum wird mir genau das kommuniziert, was will derjenige damit erreichen? Das sind einfach Fragen, die ich mir immer stellen muss, wenn ich digital unterwegs bin. Wenn ich zum Beispiel die taz lese, weiß ich, dass das ein eher linksorientiertes Blatt ist und mit dem Kontext lese ich dann auch. Aber im Netz stellt sich die Frage keiner – außer es steht groß „Bildzeitung“ drüber. Aber bei allem anderen stellt man sich diese Frage nicht und deswegen würde ich es eher mit digitaler Lesekompetenz beschreiben. Zu Medienkompetenz kann man auch Interpretationen von Texten im analogen Bereich zählen, deswegen ist mir das eigentlich zu groß.

Ein weiteres Phänomen: Wenn Eltern Psychologen oder Berichte über Kurzsichtigkeit durch Smartphone-Nutzung sehen, dann läuten die Alarmglocken sofort. Beim Thema Datenschutz sind die Folgen vielleicht für viele zu weit entfernt. Ist das Thema Datenschutz vielleicht zu abstrakt für viele?

Das ist sicherlich ein Grund. Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt, den wir bemerkt haben, als wir zusammen mit dem ZDF die Doku „Der gläserne Deutsche gedreht haben. Da wurden viele Privatpersonen mit ihren Daten und der Handhabung mit den eigenen Daten konfrontiert. Das war ganz spannend zu sehen, dass die Menschen zwar an den Informationen interessiert sind, wie man sich dagegen wehren kann, aber die Einschränkungen, die damit einhergehen, eigentlich nicht in Kauf nehmen wollen. Und sie deswegen im Umkehrschluss lieber auf die Information verzichten als die Einschränkung hinzunehmen. Viele Menschen sagen: „Ich will das eigentlich gar nicht wissen, ich will lieber Facebook nutzen können und wollen, ohne schlechtes Gewissen“.

In Hinblick auf die mediale Erziehung: Was würdest du Kindern mitgeben auf den Weg in ein digitales Leben?

Die wichtigste Aussage, die man Schülern beibringen muss: Hinterfragt alles! Überlegt: „wie kann das gegen mich verwendet werden. Oder wie wird es unter Umständen gegen mich verwendet?“ Diese Aufforderung sagt aber niemand mehr. Aber wenn man mit dieser Prämisse durchs Leben geht, hat man viel weniger Probleme. Und das ist das, was wir versuchen, den Schülern beizubringen.

Ein schöner Schlusssatz, der für uns alle gelten sollte. Vielen Dank für das Interview!


 

 

 

 

 

About the author

Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

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