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Von Catharina Siemer

MORITZ BECKER – SMILEY E.V.

Der Verein Smiley e.V. in Hannover setzt sich seit 2005 für die Vermittlung von Medienkompetenz ein. Von Anfang an dabei ist Moritz Becker. Seine Schwerpunkte liegen neben der Arbeit mit Schulklassen bei der Durchführung und Moderation von Vorträgen vor Eltern und Multiplikatoren. Moritz Becker ist Dipl. Sozialarbeiter / Sozialpädagoge (FH), Jahrgang 77, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist neben seiner Tätigkeit bei smiley e.V. Dozent der Nds. Landesmedienanstalt (NLM) und Eltern-Medien-Trainer.
Bei all den Aufgaben hat er sich trotzdem Zeit genommen und mit uns per Skype-Chat über Irrungen und Wirrungen der Medienerziehung gesprochen.

 

Lieber Moritz, was ist die Kernarbeit von Smiley e.V.?
Der Hauptschwerpunkt ist die Arbeit mit Schulklassen – momentan führen wir immer ca 1.100 Klassenworkshops pro Jahr durch. Dazu kommen die Elternveranstaltungen und Lehrerfortbildungen. Fortbildungen für andere Multiplikatoren kommen regelmäßig hinzu. Hier richten wir uns nach den Anfragen –mal sind es Ärzte, Mitarbeiter in Arbeitsagenturen oder verschiedene Bereiche der Sozialarbeit. Kurz: alles was mit Jugendlichen zu tun hat und sich über deren Mediennutzung „wundert“.

Um welche Medien geht es dabei vorrangig?
In erster Linie geht es um die Internetnutzung. Dabei spielen zur Zeit soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram und natürlich Messenger wie WhatsApp eine große Rolle. Onlinespiele in verschiedenen Genres sind immer wieder ein Thema, aber derzeit nicht so sehr im Fokus.
Interessanterweise hat sich alles auf das Internet hin kristallisiert. Früher haben wir noch unterschieden in den Kategorien Handy, Internet und Computerspiele. Und jetzt ist alles verschmolzen in verschiedene Internetendgeräte bzw. Nutzung des Internets zu Zwecken der Kommunikation, Unterhaltung oder Alltagsorganisation.

Wie wirkt sich das auf die Arbeit mit den Schulklassen aus? Also wie kann ich mir das konkret vorstellen? Worüber klärt ihr auf? Was macht ihr mit den Kids?
Grundsätzlich ist die Idee, dass nicht wir den Klassen sagen, wie alles richtig oder flasch ist, sondern dass die Schüler sich selber beraten. Wir verstehen uns als Moderatoren, die den Workshop ein Stück weit leiten und auch Fallbeispiele anbieten, aber die Lösung muss von den Schülern kommen. Wenn ein Schüler erklärt, wie er den Sperrbildschirm seines Smartphones schützt, sitzen da fünf weitere, die nicken, weil sie es genauso machen. Fünf weitere staunen, weil sie sich noch nie Gedanken gemacht haben, was passiert, wenn ihr Handy geklaut wird. Wieder fünf weitere ärgern sich, dass sie das alles nicht wussten. Aber insgesamt lernen sie von einander.
Wenn wir wieder weg sind, weiß die Klasse, dass es sich lohnt, das Wissen der Klasse zu beanspruchen und man nicht bei jeder Frage auf einen Experten warten muss, wenn die Experten in der Klasse sitzen.

Also geht es um vorrangig um technische Fragen?
Nein, eher um das menschliche Miteinander. Im Sinne von „wie wollen wir online miteinander umgehen“. Das sind auch die spannenden Diskussionen, die hoffentlich am nachhaltigsten sind. Oft sind die Schüler in den Workshops auch heiliger als in der Praxis. Da heißt es dann „es ist total feige bei Beleidigungen im Klassenchat wegzugucken“ und alle nicken. Zehn Tage passiert es trotzdem und wir hoffen, dass dann jemand sagt: „wisst ihr noch damals, da fanden wir das feige“ und so ein Umdenken passiert.
Mir hat mal ein Lehrer erzählt, dass die Klasse sich nach einem Workshop mit uns Regeln für Klassengruppe bei WhatsApp gegeben hat, in denen genau drin stand, wie man sich zu verhalten hat. Das ging bis zu den Uhrzeiten, in denen man schreiben sollte – und das passiert, wenn wir wieder weg sind. Wir retten nicht die Welt in 90 Minuten, aber fangen zumindest damit an. Die Schüler machen dann weiter – idealerweise vom Klassenlehrer unterstützt.

Oft wird ja beklagt, dass die Kids nur noch mit dem Smartphone „rumspielen“ und durch die WhatsApp-Nutzung die Sprache zu „verrohen“ droht. Wie siehst du das – denn es klingt ja eher so, als ob die Schüler doch ein hohes maß an Empathie und Verantwortung zeigen.
Ich denke schon, dass sich Schriftsprache verändert, wenn jemand nur chattet. Es gelten andere Regeln für die schriftliche Kommunikation per Chat als per Brief. Ich muss mir auch die ganze Zeit Mühe geben in unserem Chat-Interview per Skype, nicht dauernd irgendwelche Smileys zu verwenden. Deshalb denke ich, dass Kinder lernen müssen, sowohl zu chatten, als auch andere Texte am Computer zu verfassen. Wenn letzteres fehlt, wird die Schriftsprache gar nicht erst erlernt. Mir hat mal ein Deutschlehrer gesagt, dass man nur richtig schreiben kann, wenn man richtig formulierte Texte auch regelmäßig liest. Demnach dürfte viel chatten kein Problem sein, wenn gleichzeit viel in Büchern (oder was immer einem jetzt richtig erscheint) gelesen wird.
Oft ist es so, dass Kinder gar keine Bücher lesen und nur am Computer sitzen um zu spielen oder zu chatten. Nur: Was ist jetzt ausschlaggebend, dass sie keine Aufsätze schreiben können? Ich denke, das ist das fehlende Lesen und nicht das Chatten. Das macht es so schwierig – Ursache und Wirkung ist nicht immer leicht zu trennen. Empathie und Verantwortung lernt man im Auseinandersetzen mit anderen Menschen. Und das kann ein Chat meiner Meinung nach nicht ersetzen. Wer also nie mit anderen Kindern spielt, wird nur schwer Empathie erlernen. Aber Chatten ist sehr wichtig, um Freundschaften zu pflegen. Also wird beides gebraucht, das eine kann aber kein wirklicher Ersatz für das andere sein.

Die Zahlen der letzten JIM-Studie behaupten, dass Kinder nicht weniger lesen als noch vor zehn Jahren, trotz digitaler Medien. Andere Positionen behaupten das Gegenteil. Würdest du sagen, dass Kinder weniger lesen, weil sie sich mehr mit digitalen Medien beschäftigen?
Kinder lesen anders. Wer viel googelt, scannt mit einem Blick den ganzen Bildschirm ab, erfasst die Suchergebnisse und klickt auf den richtigen Treffer. Wer wenig Erfahrung hat, fängt an, von links nach rechts den ganzen unwichtigen Kram zu lesen und zu interpretieren.
Ich habe mit Jugendlichen diskutiert, die mir erzählt haben, dass sie bei einem Buch erst das Ende lesen oder zwischendrin ein paar Seiten, weil es total nervt, ein Buch zu lesen, bei dem einem das Ende nicht gefällt. Das ist sehr nachvollziehbar, entspricht aber nicht dem klassischen Literaturkonsum. So differenziert sind die Studien oft nicht. Ich will sagen: Buchstaben angucken ist für mich nicht immer lesen und alles bis ins Detail zu lesen auch nicht immer zielführend.

Wenn wir die Lesekompetenz auf Medien beziehen: was verstehst du unter Medienkompetenz?
Medienkompetenz bedeutet für mich, Medien effizient für seine Zwecke einsetzen zu können. Das bedeutet, Quellen hinterfragen zu können, Interessen von Anbietern zu erkennen, technische Mechanismen zu verstehen und auch zu verstehen, dass Medien Menschen dazu veranlassen, Dinge zu tun, die sie sonst nicht getan hätten. Aber auch, dass es zu Missverständnissen im Chat durch die Autokorrektur kommen kann. Und dass ich nicht unbedingt wissen kann, dass jemand gerade traurig ist, obwohl er fröhlichen Smiley verschickt hat… und dass man auch weiß, dass man selber Fehler macht, wenn man gestresst oder müde ist.

Das heißt, soziale und kommunikative Kompetenzen fließen zu einem hohen Anteil mit ein?
Vermutlich wird man das nicht sauber trennen können. Aber eigentlich würde ich mir wünschen, Sozial- und Medienkompetenz zu trennen. Wenn jemand genau weiß, was an welcher Stelle im Internet wie dargestellt werden muss, dass es viral durch die sozialen Netzwerke geht, dann halte ich das für medienkompetent. Mit diesem Wissen hat ein Mensch Macht. Ein Schüler kann entscheiden, ob er einen Mitschüler bloßstellt oder eben nicht. Ob er sein Wissen aber nicht gegen andere einsetzt, wird durch seine Sozialkompetenz beeinflusst.
Man würde ja im Werkunterricht auch nicht den Schülern erzählen, dass man aus moralischen Gründen anderen keinen Arm absägt, wenn es um eine Einführung in eine Säge geht. Ich denke aber, dass es Schüler gibt, denen man nicht unbeaufsichtigt ein gefährliches Werkzeug geben würde, weil die Sorge vor Missbrauch zu groß ist. Das ist dann aber keine Aufgabe für den Werklehrer in Sinne von „wie gehe ich mit Werkzeug um“, sondern eher ein erzieherischer Auftrag in Sinne von „wie gehe ich mit Menschen um“. So sehe ich das mit dem Internet auch.

Worin siehst du die Schwierigkeiten bei der Vermittlung von Medienkompetenz?
Schwierig wird es, wenn sich niemand verantwortlich fühlt. Eltern erwarten oft von der Schule, dass im Rahmen von Schulbildung auch Medienbildung eine Rolle spielt und halten sich unter Umständen aus allem raus, wenn mit der aktiven Mediennutzung zu tun hat. Die Schule sieht dann viele Aspekte, die ich eben beschrieben habe, als Bestandteile von Medienerziehung und sieht dann die Eltern als Erziehende in der Verantwortung. Am Ende passiert dann gar nichts.
Außerdem wird es schwierig, wenn eigene Erfahrungen mit WhatsApp etc. bei Lehrenden und Eltern fehlt. Ein Schüler hat mal zu mir gesagt, dass er Erwachsene hasst, die „selber kein Facebook haben, aber alle Gefahren kennen“. Da wird deutlich, dass unter Umständen so etwas wie eine digitale Kluft zwischen vielen Jugendlichen und Erwachsenen herrscht und dadurch ein ehrlicher Ausstausch oder konstruktiver Diskurs oft erschwert wird.

Was würde die Medienerziehung zu Hause erleichtern? Gibt es Tipps oder irgendetwas anderes, was du Eltern mit auf den Weg gibst?
Bei jeder Diskussion muss immer überlegt werden, welche Rolle gerade Medien bei einem bestimmten Problem oder einer Sorge spielen. Was stört Eltern daran, dass die Kinder meinetwegen den ganzen Tag Computerspielen? Ist es der Computer oder die Tatsache, dass in der Zeit nicht Fußball gespielt wird oder sonstwas passiert. Die Diskussion mit Kindern ist oft einfacher, wenn ein Gespräch mit „Ich würde mich freuen, wenn du mehr an der frischen Luft unternehmen würdest“ anstatt mit „Du spielst zu viel Computer“ begonnen wird.
In den Schulklassen habe ich oft das Gefühl, dass die Jugendlichen, die ganzen Tag mit dem Longboard unterwegs sind, mehr bewundert werden als die, die den ganzen Tag Computer spielen. Nicht selten ist es aber so, dass manche Jungen und Mädchen sich nicht trauen, Longboard zu fahren oder sonst was zu unternehmen und sich dann am Computer sicher fühlen. Hier ist die Aufgabe von Eltern, das Kind von Klein auf zu ermutigen, Dinge auszuprobieren. Dann kann es am Ende entscheiden, ob es lieber eine Herausforderung  bei Minecraft sucht oder im Wald. Und beides hat seine Zeit: Wenn es draußen regnet und kalt ist, ist Minecraft ein sehr guter Ort. Wenn die Sonne scheint und Freundinnen und Freunde Zeit haben, ist der Wald perfekt.

Worin siehst du die Gründe für das Unverständnis vieler Eltern hinsichtlich der Mediennutzung?
Unwissenheit und Unsicherheit und in manchen Fällen Desinteresse. Auf Unwissenheit und Unsicherheit können wir in unseren Veranstaltungen eingehen, auf Desinteresse nicht wirklich.

Betrachtest du das Internet und Kommunikationsmittel wie Smartphones, Tablet und PC eher als Werkzeuge?
Smartphones, Tablets etc. sind Werkzeuge, um das Internet zu nutzen, oder? Ein Buch ist so gesehen auch ein Werkzeug
 
Das wäre meine nächste Frage gewesen – Bücher werden im Allgemeinen aber auch als Kulturgut verstanden.
Das Buch ist ja nur ein Hilfsmittel, um mich an einer Geschichte teilhaben zu lassen, die sich wer anders ausgedacht hat.

Bücher, Buchdruck etc – alles wichtige Bestandteile unserer Kultur. Im Umkehrschluss müsste man das Internet auch als etwas betrachten, was zu unserer Kultur gehört.
Ja, aber mir ginge es nicht unbedingt um die Bücher, sondern die Inhalte, die sie transportieren. Das Internet ist ein Teil unserer Kultur, keine Frage. Dabei geht es auch wieder um Inhalte, die dort von Menschen geschaffen werden, zum Beispiel Bilder und Texte. Deshalb finde ich Teilhabe am Internet sehr wichtig. Dort darf niemand ausgeschlossen werden. Es gibt meiner Meinung nach ein Grundrecht auf kulturelle Teilhabe.

Also sind digitale Endgeräte das Werkzeug um am Kulturgut internet Teilhaben zu können – würdest du das so beschreiben?
Ja, kann so sagen. Der Umgang mit dem Smartphone ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, sich zu verabreden, deine Meinung zu äußern, zu partizipieren. Das ist ein Teil unseren Lebens. Das wird oft in der Medienbildung falsch verstanden. Ohne lohnenswertes Ziel macht die Auseinandersetzung mit dem Computer keinen Sinn und auch keinen Spaß. Wenn im Geschichtsunterricht etwas recherchiert werden muss, ist das der richtige Moment, um etwas über Suchmaschinen zu lernen. Und wir trennen das immer noch. Das gleiche gilt für den Kunstunterricht. Warum sind die großartigen Werke, die im Unterricht von Schülern geschaffen werden, nicht bei Instagram?

Vielleicht aus besagter Angst und Unwissenheit?
Oder weil so etwas wie ein ganzheitlicher Blick fehlt. Ich habe mal mit einer 6. Klasse zum Thema Urheberrechtsverletzungen in Musikvideos bei Youtube diskutiert. Der Lehrer kam anschließend zu mir und hat sich bedankt und meinte, dass er das in Zukunft immer im Musikunterricht mit Schülern diskutieren möchte. Der Lehrer war Ende 20, hatte keine Angst vorm Internet, aber bisher immer auf ein Fach „Medienkompetenz“ gewartet und da gemerkt, dass man es vielleicht gar nicht braucht.

Du bist ja selber Vater. Wie handhabt ihr das zu Hause?
Ich bin ein guter Pädagoge, aber ein lausiger Vater. Wir haben die gleichen Diskussion wie andere Eltern auch, denke ich. Ich verhalte mich auch oft nicht so, wie es empfehle. Im Ernst: meine Kinder sind sicher nicht representativ, da sie wissen, was ich beruflich mache und ich da manchmal vielleicht eher glaubhaft wirke als andere Eltern das könnten. Gleichzeitig lerne ich sehr viel von ihnen, weil sie mir Sachen zeigen und erklären, die ich sonst nie erfahren oder verstanden hätte. Kinder sind großartige Wissenschaftler, weil sie neugierig und unbekümmert sind. Ich bin dann dabei und will oft auch auf die Bremse treten. Dann verbiete ich etwas und es gibt viel Diskussion und Ärger. Dann merke ich manchmal, dass ich gerade nur irgendwas verbieten wollte und entschuldige mich. Aber immer wieder merken wir alle, das Lebenserfahrung meist auch hilfreich ist.

Ein schöner Schlussatz – vielen Dank für das Interview!

 

Catharina Siemer
Über Catharina Siemer
Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

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