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By Catharina Siemer

Zählen bis zur Qual - die umtriebige Zahl

Wie eine kleine UZ uns aus dem Zahlenkorsett befreien kann

Wir zählen unsere täglichen Schritte, berechnen unseren Body-Mass-Index, geben Spielzeugen DIN Normen in Form von Zahlen, zählen unser Geld, wiegen ab, vermessen. Unsere Welt ist messbar und in Zahlen strukturiert. Zahlen geben uns Halt und Orientierung in unserer komplexen Gesellschaft.
Merkwürdig, denn: Auf der einen Seite beklagen wir uns über die Kälte unserer Gesellschaft, über den Druck durch die leistungsorientierte Wissensgesellschaft – auf der anderen Seite tragen wir jeden Tag selbst dazu bei, indem wir die in zahlen ausgedrückte Effizienz auf ein Podest stellen. Aber was ist mit Eigenschaften, die sich nicht messen lassen? Was ist mit Qualität? Versuchen wir, Qualität durch quantitative Messungen auszudrücken? Wann ist ein Projekt erfolgreich? Wenn es in kürzester Zeit durchgeführt wurde, wenn es den meisten Ertrag in Form von Umsatz gebracht hat, wenn das Team mit Spaß und Leidenschaft bei der Sache war? Wann zählen wir bis zur Qual?

Auf meiner Suche nach Antworten fand ich zwei, die sich ebenfalls mit der „Herrschaft der Zahlen“ beschäftigt haben und die ich sehr bewundere: Richard David Precht und Prof. Harald Lesch. Zu finden in der Mediathek des ZDF und absolut sehenswert – sogar ich habe die ganzen 43 Minuten durchgehalten, ohne vorzuskippen ;). Im Gespräch stellen sie sich die Frage, welche Bedeutung Zahlen für unser Leben haben und was eine solche „Quantifizierung der Welt“ mit uns macht – ein Plädoyer für das Feierabend-Bier und die Rückkehr zum Sein.
Um das zu verdauen, brauchte ich dann erst mal etwas weltliches, banales. Und während ich wenig später in der Waschstrasse im Auto sitzend vor mich hin sinnierte, fragte ich mich: Welches Verhältnis hast du eigentlich zu Zahlen? Was bedeuten Zahlen für dein Leben? Erschreckenderweise musste ich feststellen, dass Zahlen einen sehr dominanten Teil meines Lebens einnehmen. Mein Zahlen-Biographie geht in etwa so:
Mein Verhältnis zu Zahlen war immer schon irgendwie ambivalenter Natur. Graf Zahl in der Sesamstrasse fand ich faszinierend und erschreckend zugleich. Das trifft es ganz gut. Faszination und Schrecken. Bisschen wie ein Unfall. Der Schrecken steigerte sich in der Grundschule, in der ich das erste Mal Zahlen in Form von Matheunterricht und auch Benotungen ausgesetzt war. Da gab mir jemand eine Zahl und trug sie in ein Zeugnis ein, damit andere ebenfalls über mich urteilen können. Und wenn bei Mathe eine eher höhere Zahl stand, wurde man wieder in die nächste Schublade gesteckt. Und dann entschieden eben  diese Zahlen, ob ich nach der 4. Klasse aufs Gymnasium gehen durfte oder nicht. Schon als Kind fühlte ich mich jedenfalls diesen ganzen Zahlen ausgeliefert und ich schwor ihnen ab. Das steigerte sich dann bis zum Abi: Ich schaffte es tatsächlich, mich mit einem minimalen Stundenaufwand und einer sehr geringen Punktzahl in Mathe durch die Oberstufe zu mogeln. Der Matheunterricht machte mir schlicht Angst und ich empfand die Lehre über Sinus und Kosinus-Kurven als völlig überbewertet. Deshalb verbrachte ich diese Stunden soweit möglich bei Kaffee und Eis mit anderen Zahlenverweigerern im nahe gelegenen Fast-Food-Restaurant.

Man nennt mich den Graf Zahl – ich lieb‘ das Zählen bis zur Qual.

Erkennt Ihr Euch auch darin wieder? Mir ging es mit Beginn des Studiums so: Die Zahlen-Abstinenz schlug schon im Sozialwissenschaftlichen Studium ins komplette Gegenteil um: Statistiken noch und nöcher! Jede gesellschaftliche Frage ließ sich plötzlich in Zahlen ausdrücken – Eine Wohltat für eine orientierungslose Erstsemesterin. Es faszinierte mich, dass ich „die Gesellschaft“ in Zahlen abbilden konnte. Toll.
Der Höhepunkt meiner eigenen „Verzahlung“ kam mit dem Design-Studium: Mein Dozent für Typographie war Meister darin, uns die Ästhetik von Zahlen als typographisches Element nahezulegen. Ich wurde zum Zahlen-Nerd. Kein Layout ohne Zahlen, jeder Entwurf hatte irgendeinen abstrusen Zahlennamen und für Hausarbeiten verschlang ich in alter „sozialwissenschaftler-Manier“ jede Statistik, die ich mir zu meinem eigenen Unbehagen auch noch alle merken konnte.

Heute befinde ich mich irgendwo in einer – wie ich hoffe – gesunden Mitte. Ja, ich mag Zahlen. Ich mag Statistiken und brauche sie, um mich zu orientieren. Aber nein, ich möchte nicht mein komplettes Leben in ein Zahlenkorsett quetschen. Vieles ist nicht quantifizierbar, zum Glück. Und viel zu oft wird die krampfhafte Quantifizierung unserer Welt ad absurdum geführt.

Wie absurd das sein kann, möchte ich mit der UZ aufdecken: Manchmal regen uns Zahlen auch zum Nachdenken an, weil wir sie unweigerlich auf uns beziehen und reflektieren, ob diese Zahl auf bzw. in unser Leben passt. Esse ich auch 116 Tafeln Schokolade im Jahr? Lache ich weniger oder mehr als 15 Mal am Tag? Verbringe ich auch 8,22 Stunden am Tag im Bett?
Solche und ähnliche Zahlen möchte ich zur Diskussion stellen: Die UZ ist immer eine Zahl, die mich gerade beschäftigt. Sie kann lustig, kritisch oder unangenehm sein. So oder so, auf jeden Fall wird sie spannend!

Hier mein guter, böser Freund Graf Zahl nochmal mit seinem größten Hit 😉

Am meisten interessiert mich aber, was Eure UZ ist!
Schickt sie mir und lasst Eure Freunde an Euren verzahlten Gedanken teilhaben. Ich freue mich auf Eure Zahlen!

Eure Catharina

Catharina Siemer
About Catharina Siemer
Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

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