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Von Catharina Siemer

OPERATION FACEBOOK – UNTERNEHMEN IM KULTURRAUM SOCIAL WEB

Wenn das Thema Social Media Marketing bei kleinen und mittelständischen Unternehmen aufkommt, hat man oft das Gefühl, es geht um eine langwierige Operation, die vor allem mit einem verbunden ist – Komplikationen. Dabei müssten Unternehmer eigentlich nur das machen, was sie sowieso machen: Den Dialog mit ihren Kunden suchen. Wie das geht? Mit Transparenz und Authentizät. Ein Plädoyer für die Veränderung.

 

Kooperationen sind etwas Tolles. Wenn alle beteiligten Seiten auf den Dialog und Transparenz setzen. Dann entstehen großartige Dinge und aus einer Idee wird Realität. Kein Fach-Blabla, sondern wirklich wahr. Quasi am eigenen Leib erfahren. So ging es uns nämlich mit unserem Social Media Cafédas am Mittwoch gestartet ist.
Die Idee: Kleinen und mittelständischen UnternehmerInnen einen Raum für den Austausch über Social Media Marketing zu gestalten. Die Kooperationspartner: Das BUERO, Anne Luise Lübbe, Inhaberin der BH-Lounge und Social Media Beraterin und das Fahrradcafé als Raumspender. Aber warum noch ein Angebot zum Social Media Marketing? Das Internet ist voll mit Infos, Do’s and Don’ts im Social Web, jede VHS bietet Kurse und es gibt sogar schon Social Media Akademien, bei denen man online Kurse belegen kann. Reicht das nicht? Nö.
Aber nicht, weil wir noch ein Angebot mit den gleichen Inhalten schaffen wollten, sondern weil wir es grundlegend anders anpacken wollten. Warum? Zum einen erschienen uns viele Infos, die man im www zum Thema Social Media Marketing findet, undifferenziert und mit Top 10-Listen, was man unbedingt tun sollte, auf gar keinen Fall machen darf und so weiter, kann man selten etwas anfangen, wenn man nicht nachfragen kann. In VHS Kursen kann man zwar nachfragen, aber die sind oft trocken und ermüdend, ich muss ein Wochenende dafür einplanen und welcher Unternehmer hat schon die Zeit oder Lust dazu? Andere Seminare sind teuer und wer weiß, ob das überhaupt etwas bringt. Und eine Online-Social-Media-Akademie? Zwar zeitlich felxibel, klar. Aber meist teuer, ich muss mich selber extrem motivieren – und mal ehrlich – nach einem harten Arbeitstag, wer hat da schon Muße, sich an den Rechner zu setzen und sich eine Vorlesung über Social Media Marketing anzusehen.

Zum anderen gibt es immer noch verschiedene Mythen und Denkmuster, die sich hartnäckig halten, wenn es um Social Media Marketing geht und die ich der Einfachheit halber in zwei Ebenen teile: Die eine betrifft die Mikroebene und beinhaltet unter anderem Fragen nach dem zu wählenden Kanal (Facebook, Instagram, Google+, Twitter, der eigene Blog, Xing, … ), der zeitlichen Machbarkeit („wann soll ich das nur schaffen?“) oder Grenzen der eigenen Kreativität („ich kann nicht gut schreiben, ich weiß nicht, was ich posten soll, meine Fotos sind nicht gut genug“). Die andere Position bezieht sich auf die Makroebene des Social Webs und beinhaltet Fragen nach der Grundstruktur bzw. dem Kern des Social Webs und damit nach dem Verständnis von Marketing im Social Web. Hä?  Klingt komplizierter, als es ist. Aber dazu gleich.

Zunächst einige „Entstressoren“ zur Mikroebene:

  1. Social Media ist nicht gleich Facebook, auch wenn 935 Millonen Menschen diesen Kanal jeden Tag aktiv nutzen. Es gibt noch mehr Kanäle und möglicherweise bringt meinem Unternehmen ein anderer Kanal mehr, weil ich gezielter agieren kann. Das ist vor allem eine Frage der Zielgruppe. Wo halten sich meine Kunden auf?
  2. Viel hilft viel. Nope. Wer viele Accounts hat, sollte sie auch medial bespielen können, denn kaum etwas ist schlimmer, als „Netzleichen“. Außer die automatische Bespielung von vielen Kanälen gleichzeitig durch Plugins. Denn die Leser merken das. Echt wahr. Die sind ja nicht blöd. Und wollen auch nicht als blöd verkauft werden. Also bitte, bitte lieber nur so viele Accounts, wie ich tatsächlich bespielen kann.
  3. Jede Woche zur gleichen Zeit posten, aber am besten jeden Tag morgens, mittags, abends. Frage: Was ist Euch lieber? Ein qualitativ hochwertiger, gut recherchierte und vor allem mit Liebe geschriebener Post oder ein schnell „dahingerotzter“? Ich glaube, die Antwort ist klar. Wir sind einfach nicht jeden Tag gleich einfallsreich und wenn der Artikel mal einen Tag länger dauert – so what? By the way: Auch das kann man kommunizieren, denn darum geht es ja im Social Web: Um Transparenz und Authentizität.

Was heißt das nun? Mit der Etablierung des Social Web – und das hat sich mit einer Nutzungsrate von rund 89 Prozent zweifelsfrei in allen Altersgruppen etabliert – erfahren wir auch einen Wandel in der Gesellschaft. Der Zustand „Always On“ verändert unsere Art zu kommunizieren und zu konsumieren. Das Social Web lehrt uns: Nimm aktiv teil, partizipiere. Wir sind es mittlerweile gewohnt, unseren Senf dazugeben zu können: Sei es auf Facebook zum süßen Katzenvideo des Kollegen oder auf Amazon bei der Bewertung eines Produkts. Und deshalb reagieren wir ziemlich abwehrend, wenn uns ein Unternehmen mit Hochglanz-Fotos und gestelztem Marketing-Sprech zum Kauf bewegen möchte. Nein, auf sozialen Netzwerken wollen wir echte Menschen, authentische Mitarbeiter und vor allem eins: Den Dialog. Wir wollen als Kommunikationspartner wahrgenommen und beachtet werden. Für Unternehmen, die im Social Media Marketing aktiv werden wollen, heißt das vor allem: Sei du selbst! Das ist erst mal ungewohnt, schließlich haben wir gelernt, dass Marketing-Kampagnen alles sind – kreativ, ungewöhnlich, laut, bunt undsoweiter – aber auf keinen Fall unperfekt. Und plötzlich sollen wir uns und unser Unternehmen offen, transparent und menschlich zeigen? Ja! Genau das. Ein Blick auf sich selbst genügt, um das Nutzungs- und Kommunikationsverhalten unserer Kunden zu verstehen: Was machen wir in sozialen Netzwerken? Was machen wir im Internet? Wollen wir ein neues Produkt kaufen, bauen wir auf Empfehlungen, wir studieren die Dialoge in Foren, wir fragen unsere Freunde auf Facebook oder wir schauen uns Anleitungen auf Youtube an. Was bleibt uns wirklich im Gedächtnis? Der nette Dialog mit dem Inhaber oder Mitarbeiter eines Unternehmens oder das Werbebanner? Ein Umdenken ist also angesagt. Das Social Web ist nicht bloß ein Medium, es ist ein Kulturraum. Wer ihn als solchen betrachtet und verinnerlicht, dass ein Kulturraum vor allem auch zur Meinungsbildung beiträgt, wird automatisch auf Kommunikation setzen.
Um nochmal auf die Kooperationen vom Anfang zurückzukommen: Mit Social Media Marketing ist das genauso. Wer auf den Dialog und Transparenz setzt, kann Menschen für sich gewinnen. Und am Ende sind doch unsere Kunden nichts anderes als Kooperationen. Oder, um es mit den Worten des leider verstorbenen Professor Dr. Kruse zu sagen:

Wenn Sie ins Netz gehen, gehen Sie im Prinzip auf eine Party […] seien Sie offen für das Gespräch.

Prof. Dr. Peter Kruse

 

 

 

Catharina Siemer
Über Catharina Siemer
Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

2 Kommentare

  • Anne-Luise
    2:32 PM - 23 September, 2015

    Vielen Dank für den tollen Artikel! Genau so ist es. Offen dazu zu stehen, dass ich kein Riesenunternehmen mit shiny Marketing Executive Officer bin, war eine Mutprobe. Es hat sich aber ausgezahlt. Und das nicht nur monetär. Es ist einfach herzwärmend, wie sich Kundinnen mit einem freuen können, wenn es etwas neues im Unternehmen gibt.

    • Catharina Siemer
      3:13 PM - 23 September, 2015

      Danke, liebe Anne! Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass es sich auszahlt, wenn Unternehmer „Mut zur Lücke“ zeigen. Aber es ist eben auch nicht ganz einfach – zum einen, weil die shiny-Marketing Welt noch immer in der Öffentlichkeit gelebt wird bzw. auch teilweise noch gelehrt wird. Zum anderen, weil man selber, wie Du schon sagtest, wirklich mutig sein muss. Vor allem, weil man als Unternehmer/in ja doch gerne alles unter Kontrolle und perfekt haben möchte. Andererseits macht es auch einfach Spaß, wenn man erst mal damit angefangen hat, unperfekt zu sein und merkt, dass das gut ankommt.

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