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Von Catharina Siemer

MEDIENKOMPETENZ 2.0? AUFTAKT ZUM PERSPEKTIVWECHSEL

Die sich immer schneller entwickelnden Kommunikationstechnologien und die heute erreichte Ausstattung von Jugendlichen mit Smartphones führen zu einer Durchdringung aller Lebensbereiche: 97 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen besitzt ein eigenes Mobiltelefon (97 %) – davon nutzen 88 Prozent ein Smartphone mit Internetzugang (JIM-Studie 2014: 7). Mit der Verbreitung von Smartphones geht auch eine vermehrte Nutzung sozialer Medien einher: Facebook, Instagram, YouNow sowie die Messenger-Dienste Whatsapp und Snapchat schaffen neue Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Vernetzung. Aber sie schaffen auch Risiken: Cybermobbing, Cyberbullying, Sexting, Datenmissbrauch, Kinderpornografie, Massenparties – die Liste ist lang und sie wird noch länger. Hirnforscher warnen vor Verdummung, Psychologen vor Sucht und Vereinsamung, Ärzte vor Haltungsschäden und Fettleibigkeit durch Bewegungsmangel. Betrachtet man die Meldungen über Gefahren durch soziale Medien und Messenger, scheint eine reflektierte Medienkritik immer mehr einer Gefahrenhysterie zu weichen. In der Konsequenz werden immer neue Strategien zur Vermittlung von Medienkompetenz entwickelt: Bund und Länder fördern Projekte zum richtigen Umgang im Netz, Schulen veranstalten Themenabende mit Titeln wie „Die Risiken im Netz erkennen“, Polizisten sollen Schüler über Datenschutz aufklären und im Netz finden orientierungslose Eltern massenhaft Ratschläge zur sinnvollen Medienerziehung.
Merkwürdigerweise scheinen viele Maßnahmen ins Leere zu laufen und ratsuchende Eltern werden ob der divergenten öffentlichen Meinungen zur Medienerziehung immer verwirrter, die Mediennutzung wird immer häufiger zum Streitthema zwischen Eltern und Kindern – trotz einer Vielzahl an Informations- und Beratungsangeboten zur Medienerziehung (vgl. Wagner, Gebel, Lampert 2013:11, 54). Die einzigen, die sich nicht verunsichern lassen, sind die Jugendlichen selbst: Für 87 Prozent der zwölf- bis 19-Jährigen ist das Handy ständiger Begleiter (JIM-Studie 2014:11), dabei steht vor allem die Nutzung von Kommunikationsangeboten mit 44 Prozent hoch im Kurs.
Das beunruhigt Pädagogen und Eltern gleichermaßen und so bewegen sich Konzepte und Strategien zwischen Bewahrpädagogik und partizipatorischen Ansätzen – ressourcenorientiert auf der einen, risikoorientiert auf der anderen Seite. Dabei begründet sich die Divergenz innerhalb der verschiedenen Ansätze in dem Umstand, dass hier eine Generation versucht, neuen Kommunikationsräumen alte Regeln überzustülpen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese Regeln für soziale und interaktive Kommunikationsmöglichkeiten, die nicht nach einem bloßen Input-Output Modell funktionieren, überhaupt dazu geeignet sind, Kinder und Jugendliche „medienkompetent“ zu machen. Und weiterhin stellt sich die Frage, wie sinnvolle Regeln aufgestellt werden können, wenn die Generation, die die Regeln aufstellt, Kommunikationstechnologien ganz anders nutzt, als die Generation, für die die Regeln gelten sollen. Sollte nicht zunächst ein gemeinsamer Konsens geschaffen werden, auf dessen Grundlage Kommunikationsregeln und Regeln für den Umgang mit neuen Kommunikationsräumen gestaltet werden können?
Der Diskurs über Medienkompetenz und dessen Vermittlung ist geprägt von Heterogenität: Die Vielzahl der Definitionen darüber, was Medienkompetenz ist, was sie beinhaltet, wie sie vermittelt wird und letztendlich ob dieser Begriff überhaupt noch tragbar ist oder es nicht vielmehr um Medienbildung geht, unterschlägt die Sorge der meisten Eltern, die sich vor allem eins fragen: Was macht mein Kind? Und sie unterschlägt die Relevanz sozialer Medien für Jugendliche und die tiefe Verwurzelung in deren Alltag.

Wer kein Smartphone hat, kann gar nicht wissen, wie wichtig Whatsapp ist.

aus: smiley-ev.de

Sollte nicht zunächst ein Perspektivwechsel erfolgen? Was bedeutet die digitale Kommunikation für Jugendliche? Ist sie nicht mehr als „nur“ rumgetippe und ständiges Vibrieren?
Sollten Eltern und Pädagogen den Blickwinkel der Jugendlichen einnehmen, um ein Verständnis für die Relevanz digitaler Medien entwickeln zu können? Auf dieser Basis könnte eine authentische Diskussion zwischen Jugendlichen und Erwachsenen stattfinden und darauf aufbauend Regelwerke für den Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien erschlossen werden. Neue Medien werden in der Diskussion über Medienkompetenzvermittlung als notwendiges Mittel betrachtet, das es zu beherrschen gilt und für das bestimmte Schlüsselqualifikationen erarbeitet werden müssen. Je nach Situation werden sie als störend, gefährlich oder als Ressource betrachtet – nicht aber als zu unserer Kultur gehörende Kommunikationsräume. Auch hierfür ist ein Perspektivwechsel notwendig, der einen neutralen Blick auf die neuen Medien zulässt und die Basis für ein integriertes Medienverständnis schafft.

Genau das soll in den noch folgenden Beiträgen zum Thema Medienkompetenz passieren: Was ist eigentlich Medienkompetenz? Woher kommt sie? Wer hat das erfunden? Was ist die viel zitierte „Mediatsierung“? Ist das nun gut oder schlecht?
Soviel vorab: Es geht hier nicht um ein „Enweder–Oder“, um „Gut oder Böse“ – vielmehr geht es darum, den öffentlichen Diskurs über Medien darzulegen, möglicherweise zu neutralisieren. Und vor allem: Die Diskussion um Medienkompetenz und Mediennutzung zugänglich zu machen.

 

Catharina Siemer
Über Catharina Siemer
Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

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