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Von Catharina Siemer

GUTE MEDIEN – SCHLECHTE MEDIEN?

Das Buch ist ein gutes Medium. Die Zeitung auch. An das Fernsehen haben wir uns gewöhnt. Digitale Spiele sind grundsätzlich gefährlich. Das Internet bietet zwar viele Möglichkeiten, aber birgt noch viel mehr Risiken. Auf Social Media Kanälen geht es doch nur darum, sich selber darzustellen und das sind ja sowieso nicht die echten Freunde. Die sind nämlich draussen in der realen Welt. In der gleichen Welt, in der es Bücher gibt. Und die sollten doch bitte mal mehr gelesen werden. Also legt doch endlich mal das Smartphone aus der Hand und lest ein Buch. Denn – und das haben ja wohl mittlerweile alle begriffen – digitale Medien machen dumm, dick und aggressiv. Oder?
Das Vorurteil von guten und schlechten Medien hält sich hartnäckig. Warum eigentlich?

EINS
Es war einmal, damals in den späten Achtzigern, ein kleines Mädchen, das sich circa 22 Jahre später selbstständig machen sollte, um sich fortan sehr intensiv mit der digitalen Medienwelt auseinander zusetzen. Dieses Mädchen hatte ein enges Verhältnis zu ihrer Tante, ein großer Die Ärzte Fan. Das kleine Mädchen fand diese Band natürlich voll cool und wollte das zu Hause auf ihrem Kassettenrekorder hören, den sie zu ihrem 8. Geburtstag von ihren Eltern bekommen hatte und auf den sie unglaublich stolz war. Die 16 Jahre alte Tante dachte sich nichts dabei und lieh dem kleinen Mädchen eine Kassette mit der Aufschrift Die Ärzte – debil (dieses Album wurde übrigens 1987 indiziert). Auf dieser Kassette waren neben den Titeln Claudia hat nen Schäferhund und Geschwisterliebe, deren Inhalte das kleine Mädchen zum Glück noch nicht verstand, auch der Song Schlaflied. In diesem Lied geht es um ein Monster, das nachts, wenn man schläft, kommt und den Schlafenden ausweidet, indem es die Augen auskratzt, die Eingeweide frisst und das Blut trinkt, bis der Schlafende tot ist. Die Schreie des Schlafenden hört niemand, denn er ist allein zu Hause. Der Song endet mit der Zeile

Schlaf, mein Kindchen, schlaf jetzt ein,
Sonst kann das Monster nicht hinein.

Das war das letzte Lied auf der zweiten Seite der Kassette, die das Mädchen abends, nachdem es von der Tante kam, sofort gehört hatte. Die Eltern waren froh, dass das Kind abgelenkt war – kannten sie den Inhalt der Kassette doch nicht – denn sie wollten sich ausgehfertig machen. Nachdem die Kassette zu Ende war, sollte das Gerät wieder in das Zimmer geräumt werden und die Zähne geputzt, denn es war Schlafenszeit und die Eltern wollten los. Das Mädchen saß kreidebleich auf dem Boden neben dem Kassettenrekorder. Die Mutter fragte besorgt, was es denn habe. Und das Mädchen fragte, ob es wirklich Monster gäbe, die Nachts kommen und einen auffressen. Die Mutter wollte wissen, wie es denn darauf käme und das Mädchen zeigte auf die Kassette. Die Mutter versicherte, dass das Quatsch sei und es natürlich keine Monster gäbe, was das Mädchen ja auch wisse. Aber es ließ sich nicht beruhigen, hörte nicht auf zu weinen und wollte nicht ins Bett.
Nun ja, die Eltern sagten ihre Verabredung an diesem Abend ab und das kleine Mädchen sollte noch lange Zeit Angst vorm Einschlafen haben, denn da könne ja das Monster kommen. Wegen einer Kassette.

 

ZWEI
Einige Jahre später, Mitte der Neunziger: Der Nintendo NES ist out, die erste Playstation auf dem Markt. Geistige Verrohung durch Spielekonsolen droht einer ganzen Generation. Eltern und Pädagogen sind in Aufruhr versetzt – zu Hause werden Fernsehmarken verteilt, mit denen die zeitintensive Nutzung von Bildschirmmedien in Schach gehalten werden sollen. Zum Glück sind Kinder im Kindergartenalter noch vor der technischen Gefahr geschützt und wollen tatsächlich, dass man ihnen zum Einschlafen vorliest. So auch ein kleiner Junge: Wie viele Jungs im Kindergartenalter hat er zur Zeit zwei Vorlieben: Baustellenfahrzeuge und Dinsosaurier. Von der Patentante gab es zum Geburtstag deshalb ein Buch mit Dinosauriern. Zum Vorlesen und damit der Kleine besser einschlafen kann. Denn die Patentante weiß natürlich, was kleine Jungs im Kindergartenalter toll finden.
Auf dem Cover des Buches sind fünf freundliche Dinosaurier-Kinder zu sehen: In der Mitte der Protagonist-Dino Littlefoot, der mit seinen Freunden und deren Eltern loszog – oder besser – losziehen musste, um das große Tal zu finden, denn dort sollte es glasklare Flüsse und Bäume mit saftigen Blättern geben, während ihr jetziger Lebensraum langsam aber sicher in die Wicken ging. Natürlich gab es auf dem Weg dorthin viele Gefahren. Eine besonders große Gefahr war der fleischfressende T-Rex Scharfzahn, der die kleinen Dinos angriff. Todesmutig stellte sich Littlefoots Mutter in den Weg, um die kleinen zu beschützen. Diese kamen auch davon, nur die Mutter erliegt ihren Verletzungen und stirbt.
Es ist nicht besonders schwer, zu erraten, wer Rotz und Wasser geheult hat und nicht mehr schlafen konnte, weil die Geschichte so traurig war. Die Mutter des kleinen Jungen war es jedenfalls nicht…

 

DREI
Noch ein paar Jahre später: Das erste Jahrzehnt der 2000er ist geschafft, Smartphones und Tablets haben uns in ihrer Hand und mit ihnen die Gefahren des Social Webs. Fernsehmarken? darüber wird nur noch milde gelächelt. Heute stehen Cybermobbing, Sexting, Datensicherheit und Game-Sucht auf dem Programm. Was sind schon inhaltslose Sendungen im Vergleich zu den digitalen Medien? Und wenn die Kinder dann „nur“ fernsehen wollen, kann man ja froh sein. Also lassen wir sie doch.
Und so ergab es sich, dass ein pubertierendes 14 jähriges Mädchen jede Woche zur gleichen Zeit eine Sendung mit vielen Mädchen schaute, die alle Model werden wollten. Diese Mädchen, eins dünner und langbeiniger als das das andere, stolperten Woche für Woche unter den Argusaugen der Ober-Model-Mama ihren beiden männlichen Schergen über den Laufsteg, ließen sich in schwindelerregender Höhe ablichten, legten sich Reptilien um die nicht vorhandene Hüfte und ertrugen jede Kritik an ihrem Körper.
Das 14 jährige Mädchen wollte auch so sein wie Mädchen in der Serie. Es betrachtete sich im Spiegel. Ihre Beine waren nicht annähernd so lang und dünn. Gut, vielleicht würde sie noch wachsen, aber sie war definitiv zu dick. So würde sie nie ein Model werden. Und das wollte sie unbedingt. Das Abi würde sie schon noch machen, das verlangten die Eltern auch. Aber dort waren schließlich auch andere Mädchen, die noch ihr Abi vor sich hatten. Aber das wichtigste war, dass sie jetzt abnahm. Disziplin war gefragt. Das predigte auch die Model-Mama und die musste es schließlich wissen.
Und so beschloss das Mädchen, ihre erste Diät zu machen. Zuerst fiel es ihr schwer, denn sie liebte Schokolade und Pizza und ging gerne mit ihren Freunden zum Pizza-Mann in der Stadt. Aber irgendwann gewöhnte sie sich dran, nur einen Salat zu essen. Später gewöhnte sie sich dran, einen Tag gar nichts zu essen. Sie gewöhnte sich an die Schwindelattacken, an die Müdigkeit, an die Kälte. Sie wollte dünn sein. Und ein Model. Um jeden Preis.

 

Medien beeinflussen uns enorm. Auf positive und negative Weise. Aber vor allem gehören sie einfach zu unserem Alltag dazu. Genauso wenig, wie wir die tiefe Verwurzelung von Medien in unserer Gesellschaft verleugnen können, können wir Medien in die Kategorien positiv – negativ einteilen. Denn jedes Medien kann die unterschiedlichsten Wirkungen erzielen: Ein Buch ist nicht per se gut und Whatsapp nicht per se schlecht. Die Wirkung von Medien ist stark abhängig vom Inhalt, Kontext, Gebrauch und letztendlich vom individuellen Charakter des Benutzers. Es ist einfach zu sagen, dass digitale Medien dumm, dick und aggressiv machen (Spitzer, Manfred: Digitale Demenz, 2012). Schwieriger wird es, wenn man die Medien und ihre Nutzung reflektiert betrachtet. Dann kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass sich das Thema nicht einfach in gut und böse kategorisieren lässt und dass sich Wirkungen nicht so einfach ableiten lassen, wie wir es vielleicht gerne hätten. Dann muss man einsehen, dass die Nutzung von Whatsapp auch etwas Gutes hat. Zum Beispiel dann, wenn sich eine Klassengemeinschaft damit stärkt, weil der Austausch über Klasseninterne Angelegenheiten schneller und einfacher geht. Oder dann, wenn sich Freundschaften trotz weiter geografischer Entfernung halten, denn eine Nachricht über facebook geht immer. Oder eben dann, wenn vermeintlich harmlose Medien eben doch mehr anrichten, als man dachte.
Natürlich gibt es Risiken, wenn man neue digitale Kommunikationskanäle nutzt. Aber die gibt es immer im Alltag. Und die gibt es immer dann, wenn kommuniziert wird. Unsere Welt ändert sich beständig und damit auch unsere Lebensweisen und letztendlich die Art der Kommunikation. Damit müssen wir nun mal umgehen. Und es bringt nichts, neue digitale Medien zu verteufeln und unsere Welt davon zu bereinigen. Dann verpassen wir auch ziemlich viel. Und lernen weniger. Was ja schade wäre.

 

 

Catharina Siemer
Über Catharina Siemer
Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

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