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Von Catharina Siemer

Facebook, Datenskandal und die Sache mit der Demokratie

Mit dem Titel „Ground Facebook“ fordert Ranga Yogeshwar im Feuillton der FAZ, dem sozialen Netzwerk die Betriebserlaubnis bis zur Behebung des Schadens zu entziehen und bringt damit auf den Punkt, was gut eine Woche zuvor mit dem Datenzugriff von Cambridge Analytica und der damit verbundenen heftigen Debatte zu Tage kam.[(1)]
Der Physiker und Wissenschaftsjournalist zeichnet entlang des historischen Diskurses, Fakten und dem aktuellen Phänomen „Fake News“ einen Argumentationsstrang, dem man nur noch zustimmend Transparente malen möchte, um sofort auf die Strasse zu gehen und die sofortige „demokratische Rechenschaftspflicht“ einzufordern. Kern der Argumentation ist die Frage, in welcher digitalen Welt wir leben wollen – in einer, in der von kommerziellen Zielen gesteuerte Algorithmen demokratische Werte angreift oder in einer, in der Partizipation im Sinne „gesellschaftlicher Teilnahme“ und damit Demokratie mit Hilfe von Technologie möglich ist? 
Die Antwort dürfte den meisten von uns ziemlich klar sein.

Apropos auf die Strasse gehen: Das, was wir gemeinhin als Partizipation an der Gesellschaft beschreiben und was 2005 in hochtrabenden Metapher als Marketingstrategie von Tim O’Reilly auf das sogenannte Web 2.0 übertragen wurde, dürfte heute einer Ironie gleichen. Die sogenannte „architecture of participation“ [(2)], die das Internet mit all seinen Anwendungen als Plattform für jeden Nutzer beschreibt und eine gleichberechtigte, demokratischen Kommunikationsgesellschaft evozieren soll, wirkt vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte wie ein schlechter Scherz, über den allein die lachen können, die die Zügel in Form von Algorithmen in der Hand haben. Die viel zitierte „kollektive Intelligenz“ der Nutzer, die zu einem „global brain“ verschmelzen soll verblasst in wechselseitigen Schuldzuweisungen. Die Hoffnungen, die in die technischen Möglichkeiten zur Kooperation und Kollaboration des Web 2.0 gesetzt wurden, sind damit – zumindest aus Nutzersicht – mehr oder weniger zerschlagen. Das „Social Web“ gleicht vor diesem Hintergrund einer eher einer monopolistischen Herrschaft einiger Big Player, denn einer demokratischen Kommunikationsgesellschaft. Wo aber liegt der Fehler im System „Social Web“? Sind es die Nutzer, die mit naiven Scheuklappen den Begriff „sozial“ ernst genommen haben oder die von ökonomischen Zielen getriebenen Anbieter – allen voran Facebook? Die Antwort gestaltet sich wesentlich komplexer und eine affektive schwarz-weiß Schuldzuweisungs-Strategie bringt niemanden wirklich weiter. Sinnvoller wäre es, in Lösungen zu denken.

Nähert man sich dem oft zitierten Begriff der Partizipation, also der Teilhabe an und im Social Web, reicht eigentlich schon ein oberflächlicher Blick auf seine Synonyme, um zu erahnen, was die Lösung sein kann: Teilhabe, Mitgestaltung und Meinungsfreiheit ziehen komplexere Betrachtungen mit sich, in denen der Weg unmittelbar zum nicht weniger komplexen Begriff Kommunikation führt. Eine Voraussetzung, die mit der auf demokratischen Werten basierenden Partizipation ist, ist  Information. Ohne Information keine gleichberechtigte Kommunikation. 
Yogeshwar spricht zu Recht von einer „neuen Kommunikationsgrammatik“, deren semantische Struktur sich aus den uns Nutzern unzugänglichen Algorithmen zusammensetzt. Damit ist uns Nutzern die Grundinformation und damit die Möglichkeit, die neue Kommunikationsgrammatik zu lernen, zu verstehen und in das eigene mediale Handeln überführen zu können, schon einmal verwehrt. Da nützt es auch nichts, immer wieder auf die fehlende Medienkompetenz zu verweisen – denn wie soll Medienkompetenz aussehen, wenn die Wurzel uns verborgen bliebt? Natürlich können wir auf einer symptomatischen Ebene operieren, zu Aufmerksamkeit appellieren, Smartphones aus Schulen verbannen, uns eine digitale Detox-Kur gönnen oder immer wieder darauf verweisen, jede Nachricht auf Twitter, Facebook und Co. mit Bedacht zu konsumieren, aber dieses Kratzen an der Oberfläche wird uns auf lange Sicht nichts nützen, so lange uns das Wissen um den Kern verborgen bleibt.
Soviel zur Grundvoraussetzung. Es geht aber noch weiter, denn Partizipation im Sinne von Teilhabe, Mitgestaltung, Meinungsfreiheit steht in einer langen Tradition, die untrennbar mit Hoffnung verbunden ist: Die Hoffnung auf Integrität, auf ein gleichberechtigtes Miteinander durch Kooperation, auf ein Wirken auf Augenhöhe.

„Auf Augenhöhe“ wird in den sozialen Netzwerken schnell verwechselt mit der reinen funktionalen Ebene: Natürlich kann jeder Inhalte einstellen, seinen Senf dazugeben und hat so vermeintlich Zugang zum öffentlichen Diskurs. Auf der strukturellen Ebene gestaltet sich das Thema „auf Augenhöhe“ aber ernüchternder, denn hier geht es um die Frage nach der Machtverteilung.
Für den Soziologen Habermas bedeutet Machtverteilung im Kontext Partizipation Folgendes: Die Chancengleichheit aller Beteiligten – und das beinhaltet den Zugang zum Diskurs ebenso wie die Möglichkeit, den Kommunikationsprozess mitzugestalten. Zum anderen ist die Authentizität der Kommunikation, also auch die der einzelnen Akteure, notwendige Bedingung. Nur so könne ein herrschaftsfreier, gleichberechtigter Diskurs entstehen.
Nun kann man natürlich behaupten: Aber das können wir doch! Jeder kann schließlich mitmachen im „Mitmach-Netz“. Ja, natürlich kann jeder mitmachen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Über die von Algorithmen geschaffene „Zensur“ von Inhalten hinaus – und die wäre eigentlich schon Abbild genug für die ungleiche Machtverteilung – wird das Mitmachen-Können immer mehr zu einem Mitmachen-Müssen: Als wäre es nicht schon genug, dass wir irgendwie das Gefühl haben, etwas zu verpassen, wenn wir nicht irgendein digitales-Ich pflegen, bekommt darüber hinaus der Aspekt des Gewinns an unserem digitalen-Ich insofern eine weitere Bedeutung hinzu, als das Betreiber von Plattformen viel dafür tun, dass wir uns möglichst lange darauf herumtreiben. Diese sogenannte „Implizite Partizipation“ hat mit dem Kerngedanken von Partizipation eigentlich nichts mehr zu tun, denn echte Partizipation heißt auch frei entscheiden zu können. Wenn Anwendungen aber nun so gestaltet sind, dass sie uns in unserem Tun manipulieren und gestalterische Aspekte bestimmte Trigger in uns auslösen, die uns quasi süchtig werden lassen, ist fragwürdig, ob da noch von Freiheit die Rede sein kann.
Bleibt noch die Frage nach der Meinungsfreiheit. Immerhin, so könnte man meinen, kann ja jeder für sich selbst entscheiden, welche Inhalte er teilt und welche er für sich annimmt. Wenn aber ein Algorithmus auf Basis unserer Aktivitäten Inhalte für uns bevorzugt und wenn bestimmte Akteure dafür sorgen, dass Fake News sich so schnell und umfassend verbreiten, dass sie uns zwangsläufig erreichen müssen – wie weit her ist es dann noch mit der Meinungsfreiheit?

Wenn Partizipation zum Businessmodell wird und dieses Businessmodell in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist, was macht das mit den Werten unserer demokratischen Gesellschaft? Facebook und Co. haben längst den Status der lustigen, naiven Freizeitbeschäftigungen verlassen, wir sprechen hier von einem Business. Und da geht es um Geld und Macht. Partizipation wird Mittel zum Zweck und wir Nutzer verlassen uns zu gern auf Begriffe wie „sozial“. Bis irgendetwas ans Tageslicht kommt, das im Grunde nur unsere eigene Blindheit widerspiegelt. Weil man das aber nicht zugeben möchte, kann man sich gut in Empörung hüllen.
Dabei ist das ganze System nichts neues. Schon kurz nach dem Ausruf des Web 2.0, einer „architecture of participation“ wurde diskutiert, inwiefern hier noch von einer demokratisch geprägten Partizipation die Rede sein kann. Und wenn man noch weiter zurückgeht, dann war eigentlich schon in den 90er Jahren, vor dem Platzen der Dotcom-Blase klar, dass das Internet ein Businessmodell ist, in dem einige Akteure die Vormachtstellung halten und dementsprechend die Strukturen lenken. Aber offensichtlich wollten wir es alle nicht wahrhaben, denn Daten sind irgendwie abstrakt, wenig greifbar und die Gefahren von Datenmissbrauch so weit weg. Schließlich fühlt es sich nicht so an, als wenn unsere Existenz akut davon bedroht ist, warum also aktiv werden. Und das Web mit all seinen Anwendungen bietet uns ja schließlich auch so viele Vorteile.

Haltung zeigen ist jetzt an der Tagesordnung

Also, was ist die Lösung des Problems? Bei Facebook abmelden? Was die Sorge um die eigenen Daten angeht – da kann Google mindestens genauso mithalten. Es macht wenig Sinn, einen Fehler im System mit Ignoranz lösen zu wollen. Sinnvoller ist es doch, den Verantwortlichen des Fehlers zur Ausbesserung heranzuziehen. Und da schließe ich mich Ranga Yogeshwar an: Es müssen Grenzen gesetzt werden. „Unsere politischen Vertreter sollten die Pausentaste drücken und Facebook bis auf weiteres die Betriebserlaubnis hierzulande entziehen, bis das System tatsächlich repariert ist“, schreibt er.
Nur worin könnte die Reparatur liegen? Ein erster Ansatz besteht darin, dass die Kommunikationsgrammatik gelernt werden kann – Algorithmen müssen transparent und einsehbar sein. „Facebook müsse gegenüber Behörden in der EU auch die Funktionsweise seiner Algorithmen offenlegen“, heißt es nach jüngsten Berichten zum geplanten Treffen der EU-Kommission Facebook. Das wird nicht reichen. Wenn die Aussage von Justizministerin Barley, Facebook sei ein „Netzwerk der Intransparenz“ [(3)] wirklich ernst genommen wird, ist die logische Konsequenz das Offenlegen der Algorithmen, sprich der Grammatik. Nur so ist der Grundstein für weitere Maßnahmen gelegt, die dazu führen, dass das Internet auch wirklich als demokratisches Instrument genutzt werden kann.
Darüber hinaus müssen wir uns alle darum bemühen, die neue Kommunikationsgrammatik zu verstehen und zu lernen, anstatt weiterhin blind zu nutzen und uns vor möglichen Konsequenzen blind zu stellen. Schließlich haben wir auch mal irgendwann lesen und schreiben gelernt, den Biologischen Kreislauf verstehen müssen und eine Sensibilität für Noten und Rhythmen entwickelt. Das schließt Maßnahmen und Handlungsstrategien auf Bundesebene ebenso ein, wie das Einnehmen einer Haltung – und die ist in Punkto Internet mehr denn je gefragt. Da reicht es nicht, das Internet als #Neuland zu bezeichnen oder in einem Digitalpakt weitere Maßnahmen auf symptomatischer Ebene zu beabsichtigen. Aber nicht nur die EU muss in erster Linie in dieser Sache Haltung und Stärke zeigen – auch wir müssen eine Haltung einnehmen und Informationen einfordern. Nur so können wir das Instrument Internet sinnvoll und – ja genau – sozial einsetzen.

Catharina Siemer
Über Catharina Siemer
Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

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