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Von Catharina Siemer

AUCH EIN STÜCK VOM KUCHEN? GERNE. PARTIZIPATION 2.0


Partizipation. Kaum ein Begriff ist in den letzten Jahren so sehr in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens gerückt, wie der Begriff Partizipation: Ob in der Politik, Schule, Kultur oder im Alltag – gerade innerhalb der Debatte um eine nachhaltige Gesellschaft ist die Frage nach aktiver Teilhabe relevanter denn je. Und nicht zuletzt gibt das Internet, in dem wir uns schließlich täglich bewegen, eine unübersichtliche Menge an Möglichkeiten zur Partizipation. Gründe genug also, sich das Thema Partizipation einmal genauer anzuschauen. Hier der Erste von zwei Teilen zum Thema Partizipation.

 

PARTIZIPATION – WAS IST DAS EIGENTLICH?

Von der Politikverdrossenheit zum Wutbürger – dass sich in der Gesellschaft etwas geändert hat und ändern musste, ist offensichtlich. Dennoch bleibt der Begriff der Partizipation trotz seines fast schon inflationären Gebrauchs eher schwammig. Denn was ist das eigentlich – Partizipation? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Warum ist sie so wichtig? Welche Rolle spielt sie für die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft? Und überhaupt: Was habe ich davon?
Soviel schon mal vorab: Die eine, echte Partizipation gibt es nicht. Das macht es auch so schwierig, diesen Begriff zu fassen. Dennoch mache ich hier den Versuch, diesen Begriff einzugrenzen – und da fängt man am besten bei seinem Ursprung an: Der Begriff Partizipation setzt sich zusammen aus dem lateinischen Wortpaar Pars – der Teil und capere – nehmen.
Es geht also um Teilnahme. Aha. Aber woran?
Die Teilnahme kann nach unserem Sprachverständnis nicht ohne ein Objekt, an dem man teilnimmt, existieren. Geht man der Frage nach, was dieses „Woran“ sein kann, kommt man zu vielen Ergebnissen, die sich inhaltlich stark unterscheiden können – so kann man an einer Demonstration teilnehmen, an Wahlen, an öffentlichen Angeboten, aber eben auch am Schulunterricht, an Konzerten, Museumsführungen oder Familienfeiern. Das Feld der Teilnahme ist weit.
Deshalb ist für eine Begriffsbestimmung ein weiteres Kriterium notwendig: Aktivität. In einem Konzert bin ich eher passiver Rezipient als aktiver Partizipient, während eine Demonstration schon weit mehr Aktivismus fordert. Die Erweiterung durch die aktive Teilhabe reicht als inhaltliche Bestimmung des Begriffs Partizipation immer noch nicht aus – schließlich kann niemand zu eben dieser gezwungen werden. Insofern muss die inhaltliche Dimension um die Freiwilligkeit erweitert werden.
Der Kerngedanke der aktiven, freiwilligen Teilnahme oder Teilhabe an etwas wirkt aber noch sehr nackt. Ihm fehlt eine Gewichtung, eine Art treibendes Moment, das uns zur aktiven Teilhabe motiviert. Es geht um den Wunsch, seine Lebenswelt zu gestalten, mit zu entscheiden, anstatt entscheiden zu lassen und somit um den Willen, etwas zu verändern.
Diese Gestaltung kann sich prinzipiell in allen Bereichen des Lebens vollziehen – dabei spielt die unmittelbare Umgebung ebenso eine Rolle wie die Einflussnahme auf gesamtgesellschaftliche Themen.

Die fast unbegrenzte inhaltliche Reichweite des Begriffs ist der Grund, warum eine Eingrenzung sich als schwierig erweist. Demzufolge gibt es in der Literatur eine Vielzahl von Definitionen, die den Versuch unternehmen, den Begriff einzugrenzen und greifbarer zu machen.
Eine hat sich dabei als Leitgedanke herauskristallisiert: Die des Club of Rome, die in der Studie „Zukunft und Lernen“ herausgearbeitet wurde. Sie ist deshalb gut als Leitbild geeignet, da sie sich nicht im rein politischen Feld bewegt und trotz ihrer Offenheit den Begriff Partizipation einzugrenzen vermag:

Nur wenige Worte vermögen den Anspruch der Menschen so deutlich zu machen, Entscheidungen sowohl auf lokaler als auch globaler Ebene, die ihre Umwelt und ihr Leben bestimmen, mit zu beeinflussen, in Verbindung mit ihrer Hoffnung auf Gleichheit und ihrer Weigerung, eine Abseitsposition oder einen untergeordneten Status zu akzeptieren.
Effektive Partizipation setzt das Streben des Menschen nach Integritat und Würde voraus sowie seine Bereitschaft, die Initiative zu ergreifen. Obwohl das Recht zu partizipieren garantiert werden kann, können weder die Partizipation selbst noch die damit verbundene Pflicht und Verantwortung gegeben oder weggegeben werden. Echte Partizipation vollzieht sich freiwillig. (Club of Rome: Das menschliche Dilemma. Zukunft und Lernen, Wien 1979, S. 58 f.)

Diese Sätze bringen den Kerngedanken von Partizipation auf den Punkt – es geht um mehr als bloße Teilnahme, es geht um den Willen, aktiv an Entscheidungsprozessen mitzuwirken. Und es wird deutlich, dass es nicht die eine, echte Partizipation gibt und auch nicht geben kann, sondern dass Partizipation immer in einem bestimmten Kontext steht.

 

GRUNDSTEIN DEMOKRATIE

Wenn man sich mit dem Begriff der Partizipation auseinandersetzt, kommt man über kurz oder lang auf das Thema Demokratie – ohne Demokratie keine Teilhabe. Sinnvoll also, die Voraussetzungen, die durch unsere demokratischen Grundrechte gegeben sind, näher zu betrachten:

Trotz der aktuellen Hochkonjunktur von Partizipation, ist es dennoch keine neue, sondern eine seit mehr als vier Jahrzehnten mal mehr, mal weniger präsente Diskussion, die oft zusammen mit dem Stichwort „68er Generation“ fällt. Zwar erfuhr die Diskussion um die aktive Teilhabe am öffentlichen Geschehen innerhalb dieser Generation zum ersten Mal seit Ende des zweiten Weltkrieges wirkliche gesellschaftliche Relevanz, die Voraussetzungen zur Partizipation liegen aber weiter zurück, denn das Recht zur aktiven Teilhabe ist im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert: Denn laut Verfassung leben wir in einer Demokratie, in der es prinzipiell jedem möglich ist, seine Stimme zu erheben, sich eine Meinung zu bilden und diese zu teilen.
Sowohl die Meinungsfreiheit als auch der Gedanke des Sozialstaates beruhen auf Partizipation am politischen, öffentlichen und gesellschaftlichen Geschehen, denn sie garantieren nicht nur das Recht jedes Einzelnen auf aktive Teilnahme, sondern sind auch Voraussetzungen hierfür.
Ohne Meinungsfreiheit keine Meinungsbildung, keine Partizipation. Denn erst aus der eigenen Meinung können sich persönliche Werte herausbilden, die wiederum die treibende Kraft sind für das Streben nach einem Einfluss auf öffentliche Prozesse und für den Wunsch nach Aktivität, Engagement und Veränderung.
Der demokratische Gedanke ist also Basis der Partizipation – aus diesem Grund werden die Begriffe Demokratisierung und Partizipation in der Literatur oft gleichgesetzt, wobei Demokratisierung als objektiver Ausdruck und Partizipation als subjektiver Ausdruck desselben Sachverhalts verstanden werden kann (vgl. Vilmar, Fritz: Partizipation. In: Mickel, Wolfgang (Hrsg.): Handlexikon zur Politikwissenschaft, München 1986).
Das macht deutlich, warum wir beim Stichwort Partizipation oft politische Assoziationen haben und dabei in erster Linie an Wahlen, Demonstrationen oder Streiks denken. Öffentliche Teilhabe ist für uns in erster Linie politischer Natur.
Aber Partizipation ist mehr – denn auch, wenn die Basis der aktiven Teilnahme eine politische ist, erstreckt sich der partizipatorische Gedanke auf viele Bereiche unserer Lebenswelt und kann mal mehr, mal weniger politische Auswirkungen haben. Partizipation kann politisch, soziologisch, ökonomisch und ökologisch gelesen werden, die Möglichkeiten zur Teilhabe sind nahezu unbegrenzt und erschwert uns den Durchblick im Potpourri der Partiziaption.
Daher auch die inhaltliche Unübersichtlichkeit, die eine Differenzierung sowie eine eingehende Betrachtung nicht nur des Begriffs, sondern auch der inhaltlichen Dimension notwendig macht.
Denn was macht Partizipation aus? Welche Formen und Intensitäten gibt es? Welche Möglichkeiten zur aktiven Teilhabe sind gegeben? Und warum soll ich überhaupt aktiv werden, meinen Senf dazugeben? Warum die ganze Bemühung um ein Stück vom Kuchen?

Gibt es einen Nährwert oder liegt es nur schwer drauf?

Und damit Euch jetzt nicht entgültig die Augen zufallen, wird die Frage des Nährwerts im nächsten Artikel beackert. Also bis bald…

 

 

 

Catharina Siemer
Über Catharina Siemer
Medienwissenschaftlerin, Beraterin für Online Kommunikation und Bloggerin mit Leidenschaft für's Backen, Laufen und David Bowie. Als Doktorandin an der HBK Braunschweig forsche ich zum Phänomen "Partizipation im Social Web" und der Frage, wie Unternehmen Online Kommunikation sinnvoll gestalten können. P.S.: Norddeutscher Humor gibt's on Top. Bis bald!

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